Bei einem Waldbegang mit Vertretern der Waldbesitzervereinigung Westallgäu, des Marktes Weiler-Simmerberg und den zuständigen Förstern des Amts für Ernährung Landwirtschaft und Forsten (AELF) Kempten haben sich mein örtlicher Landtagskollege Thomas Gehring und ich ein Bild von den Trogener Plenterwäldern gemacht. Das Besondere hier: Die Waldbesitzenden bewirtschaften ihre Wälder seit Jahrzehnten nach dem Plenterwaldprinzip. D.h. die Bäume werden nur „einzelstammweise“ genutzt, Licht- und Schattensituationen werden gezielt geschaffen, um optimale Bedingungen für nachwachsende Verjüngungspflanzen zu schaffen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Weißtanne. „Die Tannenverjüngung ist unser Indikator, ob das, was in der Waldbewirtschaftung und Jagd passiert, auch richtig ist“, so Peter Freytag, Vorsitzender der Waldbesitzervereinigung (WBV) Westallgäu. Zusammen mit dem Geschäftsführer der WBV,  Andreas Täger, setzt er sich seit Jahrzehnten für die Wälder und ihre Eigentümer*innen ein. „Nur wenn Weißtannen aufwachsen können, ohne von Rehen verbissen zu werden, können wir hier den Wald stabil weiterentwickeln, gerade im Hinblick auf den Klimawandel,“ ergänzte der zuständige Revierförster Marcus Fischer, der zahlreiche Positivbeispiele der Naturverjüngung vor Ort zeigen konnte.

Typische Plenterwaldstruktur

Das Ergebnis dieser gelungenen Kombination aus Jagd und Waldbau sind sich selbstverjüngende Dauerwälder, die durch ihre Baumartenzusammensetzung, Altersstruktur und Schichtung besonders stabil und widerstandfähig gegenüber Schadereignissen sind. Alle Waldfunktionen wie Klimaschutz, Naturschutz, Holznutzung und Erholung können hier erfüllt werden. Die Waldbesitzenden sind daher zuversichtlich, auch für zukünftige Schwierigkeiten gut gewappnet zu sein. Mein Kollege Thomas Gehring fasste am Ende folgerichtig zusammen: „Die Plenterwälder zeigen eindrucksvoll, was mit einer naturnahen Waldbewirtschaftung möglich ist, wenn alle an einem Strang ziehen: Waldbesitz, Jägerschaft, Forstverwaltung und Gemeinde, alle gemeinsam für einen stabilen Wald der Zukunft.“

links von mir: Andreas Täger, Geschäftsführer WBV Westallgäu, und MdL Thomas Gehring, rechts: Peter Freytag, Vorsitzender WBV Westallgäu, Simon Östreicher, Bereichsleiter Forsten, Stephan Bauer, Bauamt Weiler-Simmerberg, und Marcus Fischer, Revierförster

Warum wir gemischte, strukturreiche und dadurch stabile Wälder brauchen, wurde uns später im Immenstädter Stadtwald eindrucksvoll durch Stadtförster Gerhard Honold vorgestellt. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts gab es wenig Wald rund um Immenstadt. Als 1873 der oberhalb von Immenstadt liegende Steigbach mehrere Meter über seine Ufer trat und eine enorme Flutwelle die wenigen Bäume wie Streichhölzer mitriss, wurde die komplette Innenstadt zerstört. Als Hauptursache für das Ausmaß der Katastrophe wurde die geringe Bewaldung identifiziert. Neben der ersten Wildbachverbauung Deutschlands wurden anschließend hunderte Hektar Wald, zunächst überwiegend mit Fichte, aufgeforstet. Seit den 70er Jahren läuft jedoch bereits der Waldumbau hin zu typischen Bergmischwäldern mit Fichte, Tanne, Buche und Bergahorn.

links neben mir: Andreas Fisel, AELF Kempten, rechts: Gerhard Honold, Stadtförster Immenstadt, Grünen Stadtrat Johann Lochbihler, MdL Thomas Gehring

Seit über 20 Jahren bewirtschaftet Honold „seine“ Wälder (1.000 ha) mit viel Engagement und Herzblut in Anlehnung an die Kriterien des FSC. Waldnaturschutz und Waldbewirtschaftung auf der selben Fläche ist für Honold kein Wiederspruch, sondern praktikable Kombination. Drei Waldarbeiter, ein Berufsjäger und ein Forstwirt-Azubi stehen ihm dabei zur Seite. Blühflächen, Waldrandgestaltung, Amphibienbiotope, Alt- und Totholz, aktive und passive Naturschutzmaßnahmen finden sich überall, wo es sinnvoll ist. Weniger attraktive Flächen werden intensiver bewirtschaftet.

Blühwiese, Amphibien-Biotop im Westen, im Hintergrund stufiger Waldrand

Vor gut zehn Jahren stellte die Gemeinde auf Honolds Anraten einen eigenen Berufsjäger ein. „Längst überfällig und dringend notwendig,“ so Honold. Denn die Tannenverjüngung gelang trotz 170-jähriger Alttannen nie ohne Zaunschutz. Die vorhergehenden Jagdpächter, eine wohlhabende Unternehmerfamilie, die die Jagd seit mehreren Jahrzehnten gepachtet hatte, hatten andere Interessen: Geschossen wurde überwiegend auf kapitale Hirsche und Böcke.

„Vor 12 Jahren haben wir dann Aufnahmetrakte zur Verbiss-Inventur in die Bestände gelegt. Das niederschmetternde Ergebnis überzeugte auch die Gemeinde und bildete die Grundlage für die Einstellung des Berufsjägers. Im ersten Jahr wurde der Abschuss mehr als verdoppelt, nun hat er sich bei 8 Stück pro 100 ha eingependelt. Seitdem klappt es mit der Naturverjüngung aller Baumarten ohne Zaunschutz, allen voran der Tanne. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Hier kommt der Waldumbau sicht- und Dank der angelegten Trakte auch messbar gut voran! Ein wirklich gelungenes Beispiel, dass es sich lohnt, für den Walderhalt engagiert zu handeln und neue Wege zu gehen.

Hier wächst die nächste Generation aus Tanne, Buche, Bergahorn und Bergulme ohne Zaunschutz heran.