„Wir nehmen hiermit Stellung zur aktuellen Diskussion über ein angeblich notwendiges Rollback hin zu einer weiteren Intensivierung der Landwirtschaft. Wir halten das für einen schwerwiegenden Fehler, denn das hieße ja, die Klima- und Artenkrise noch zu befeuern. Schon jetzt führt die Übernutzung bzw. Verschmutzung unserer natürlichen Ressourcen Luft, Wasser, Boden sowie der Verlust an Biologischer Vielfalt direkt und indirekt zu Ertragsausfällen und -einbußen, mit allen bekannten Folgen. Wir müssen nun aber akut helfen und gleichzeitig an die Ernährungssicherung von morgen denken.“
(Martin Häusling & Renate Künast)

Meine Kolleg*innen Martin Häusling und Renate Künast, agrarpolitische Sprecher*in der Grünen Fraktionen auf EU- bzw. Bundesebene, bezeichnen die aktuellen Versuche, den Krieg in der Ukraine zu nutzen, um mit dem rhetorischen Schlagwort der „Ernährungssicherheit“ die Ziele der wichtigen landwirtschaftlichen Transformation der Farm-to-Fork- und der Biodiversitäts-Strategie der EU im Rahmen des Green Deal in Frage zu stellen, als „infam“. Ich würde sie mindestens uninformiert, zu kurz gedacht und realitätsfremd nennen. Da unterstellt werden muss, dass Politiker*innen durchaus bestens informiert sein dürften, sie große Zusammenhänge überblicken können, landen wir schließlich aber doch schnell wieder beim Vorwurf der Infamität.

Doch von vorne. Seit dem Angriff Putins auf die Ukraine stellt sich die Frage nach globaler Ernährungssicherheit neu. Wir brauchen also eine Debatte darüber, und schließlich auch eine Lösung dafür, wie wir diese gewährleisten. Doch wie man es auch dreht und wendet: Die Antwort „Rolle rückwärts für die Landwirtschaft“, wie konservative Kräfte sie seit dem Beginn von Putins Invasion fordern, ist schlichtweg falsch. Warum?

Wer informiert mitdiskutieren will, der sollte die Fakten kennen. Dann wird er und wird sie von ganz allein auf die richtige Antwort kommen: zum Papier.

Forderung, den Green Deal und die F2F-Strategie zu stoppen, ist gegen sämtliche wissenschaftliche Expertise!

Unter anderem haben 85 Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs), namhafte Agrarforscher vom UFZ – Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, der Universität Rostock und der Universität Wageningen, weitere 300 Wissenschaftler*innen aus der ganzen Welt, einen „Rollback“ in der Landwirtschaft als fatal eingeschätzt. Stattdessen fordern sie weniger Fleisch auf den Teller, weniger Lebensmittel verschwenden, stattdessen mehr Hülsenfrüchte und eine grünere Agrarpolitik. Die Wissenschaft hat gute Gründe, wenn sie davor warnt, „falsche Dichotomien zwischen Ernährungssicherheit und ökologischer Nachhaltigkeit zu vermeiden“. Vielmehr müssen wir uns um eine optimale Zuteilung von Nahrungsmittelpflanzen auf der Welt kümmern und so sicherstellen, dass die Grundbedürfnisse der Menschen Vorrang vor weniger wichtigen Verwendungen haben.

Wir wissen, dass Ernährungssicherheit nicht mit einer weiteren Intensivierung der Landwirtschaft gleichgesetzt werden kann. Dass bereits heute 10% der Weltbevölkerung hungern. Das hat zumeist strukturelle Gründe (Armut, Verteilungsprobleme, fehlender Zugang zu Land), und beweist leider das Gegenteil.

Auch unter dem Schock des Krieges dürfen wir nicht die Augen davor verschließen, dass es einen klaren Trend zu sinkender Produktivität aufgrund ökologischer Verarmung und des Zusammenbruchs von Agrarökosystemen gibt. Artenvielfalt ist also kein Luxusgut, sie ist das Fundament einer produktiven Landwirtschaft.

Die Folgerungen aus all dem Wissen, das wir haben, sind klar:

  • Um langfristig Ernten zu sichern und ausreichend Nahrungsmittel zu erzeugen, müssen wir die Leistungsfähigkeit unserer natürlichen Ressourcen erhöhen! Nicht den Einsatz von Betriebsmitteln wie Düngern oder Pestiziden.
  • Eine Landwirtschaft, die nicht so sehr auf fossile Brennstoffe angewiesen ist, ist das Ziel!
  • Wenn wir die Potentiale von Leguminosen auf unseren heimischen Ackerflächen nutzen, werden wir unabhängiger und erreichen höhere Ökosystemdienstleistungen. Die EU-Eiweißstrategie geht daher Hand in Hand mit der Farm-2-Fork-Strategie, die den Einsatz von Mineraldünger bis 2030 um 50 % reduzieren will.
  • Es müssen insgesamt wesentlich mehr Anstrengungen unternommen werden, damit die
    Ernährungsautarkie weltweit erhöht und Länder die Nahrungsmittelversorgung ihrer eigenen
    Bevölkerung sicherstellen können.
  • Finanzspekulationen mit Lebensmitteln sind zu unterbinden.
  • Es gilt „food first“, deshalb die Erzeugung von Rohstoffen für Tierfutter und Kraftstoffe runterfahren.