Wir halten endlich unsere Broschüre zur Neuauflage der Ausstellung “Grün kaputt – Landschaft und Gärten der Deutschen” in den Händen. Große Teile der Eröffnungsrede von Dieter Wieland sind darin abgedruckt, ich habe das Vorwort beigesteuert und natürlich sind auch viele Bilder der Ausstellung zu sehen – zum Nachblättern und Nachdenken zuhause.

Hier nun auch online zu haben:

Vorwort von Hans Urban:

Ist die Heimat noch zu retten?

Haben wir das Gefühl, uns geht die Heimat verloren, oder verlieren wir sie wirklich? Noch nie haben wir als Gesellschaft so intensiv über Artenschwund und Verlust von Lebensräumen gesprochen wie jetzt. Bestimmt ist das auch eine Folge der vergangenen Volksbegehren „Betonflut eindämmen“ und „Artenvielfalt & Naturschönheit in Bayern“. Und eine Folge von Fakten, vor denen sich nicht länger die Augen verschließen lassen.

Dieter Wieland, Rüdiger Disko und Peter M. Bode haben schon vor mehr als 35 Jahren versucht wachzurütteln und uns zum Nachdenken darüber zu bringen, was wir aus unserer Heimat machen. „Grün kaputt“ ist heute Kult. Doch was hat es gebracht? Was hat es gebracht, dass viele Tausend Menschen in den 1980er Jahren die Ausstellung besucht, dass noch mehr Menschen Wielands Dokumentarfilme gesehen, sie Flächenfraß und Umweltzerstörung angeprangert haben?

Die Antwort ist leider unbefriedigend: Wenig hat es gebracht. Der Flächenverbrauch ist noch immer ungebrochen, die Lösung für Verkehrsprobleme ist noch immer die Umgehungsstraße oder der Ausbau von Straßen. In der Landwirtschaft wird zuvorderst noch immer Fläche statt Umweltleistung subventioniert. Beim Siedlungsbau dominiert noch immer die Neubausiedlung nicht die Nachverdichtung.

Doch dürfen wir hoffen. Die Jugend steht auf für den Klima-, Umwelt- und Artenschutz. Wissenschaftler, Unternehmer, Eltern ziehen mit und unterstützen die Forderungen der „Fridays for future“- Demonstrantinnen und -Demonstranten. Der öffentliche Druck wächst. Er ist so groß geworden, dass sich selbst die bayerische Staatsregierung begrünt, zumindest äußerlich. Es bewegt sich etwas, die Richtung stimmt.

Jetzt heißt es, nicht nachzulassen und auch die Skeptiker an die Hand zu nehmen auf diesem Weg. Durch Reden, Zuhören und Diskutieren, durch die besseren Argumente. Denn „Grün kaputt“ ist so aktuell wie eh und je. Wir Grüne wollen, dass Bayern Heimat bleibt. Zukünftig muss es heißen: Denken, bevor der Bagger kommt. Heimat ist das, was wir daraus machen.

Hans Urban, MdL
Sprecher für Forst und Jagd, Bündnis 90/Die Grünen
Dezember 2019

Auszüge aus der Rede Dieter Wielands anlässlich der Vernissage im Kloster Beuerberg am 12. Oktober 2019

„Ihr macht mich richtig glücklich! Es ist 36 Jahre her und ihr könntet meine Kinder sein. Für euch haben wir‘s eigentlich auch gemacht. Wir waren damals zwar 40 Jahre jünger, aber wir waren auch schon alt. Und wir waren auch schon wütend. Und wir waren verzweifelt.

[…]

Wir haben uns die „IGA 83“ [Anm.: Internationale Gartenausstellung 1983] als Angriffsfläche genommen. Es war der Gedanke entstanden: Da muss man doch was dagegensetzen! So eine Monster-Peepshow von Bundesgrün, wo die Großbäume aus ganz Europa zusammengeholt wurden mit dem Tieflader. Um mal richtig zu klotzen.

[…]

Wir haben uns damals die Hoffnung gemacht, wir verändern was. Wenn wir das so zeigen! Mit einer solchen Lust das Hässliche fotografieren. Es war auch eine Möglichkeit etwas abzureagieren. Herr Disko [Anm.: Rüdiger Disko, neben Peter M. Bode und Dieter Wieland Ideengeber und Mitinitiator der Ausstellung „Grün kaputt“] hat gefährlich gebremst auf der Landstraße, wenn ihm etwas aufgefallen ist, ein hässliches Haus oder wieder ein umgesägter Baum. Ich hatte es etwas besser. Ich habe ja damals sehr viele Dienstreisen durch Bayern gemacht, um meine Filme zu machen. Und dann hab‘ ich halt dem Teamwagenchauffeur gesagt: „Du, bleib stehen. Das muss ich haben, das muss ich fotografieren.“ Und wenn‘s ganz hässlich war, dann musste auch der Kameramann aussteigen.

Und du musst ja so aufpassen! Kaum scheint die Sonne auf einen großen Balkon mit Begonien, es sieht gar nicht mehr so hässlich aus auf einem Farbfoto! Die Schauderhaftigkeit, die Kälte, dieses die Welt ärmer machen – das in Fotos reinzubringen ist wahnsinnig schwer. Eine Devise von Herrn Disko war: nur immer 50 Millimeter nehmen, kein Weitwinkel und kein Tele. So wie das Auge sieht. Das Normalobjektiv hieß das damals. Und so sind auch diese Bilder vom Fotografischen her langweilig. Sie sollen nur zeigen. Sie sollen die Augen öffnen. Das wäre das Schönste, was diesen Bildern passieren könnte.

[…]

Damals war Christoph Stölzl Leiter des Stadtmuseums [Anm.: Die Ausstellung „Grün kaputt“ wurde 1983 im Stadtmuseum München erstmals gezeigt]. Den haben wir übern Tisch gezogen. Wir haben gesagt, wir machen „Irgendwie was zur IGA“. Da hat er „Ja“ gesagt. Er war ein mutiger Museumsdirektor. Es war schon bei der Premiere voll, wahnsinnig voll. Viel voller als hier heute. Aber es war ja auch in München. Und dann kam ein wunderbares Lob. Die damalige Pressereferentin des Bayerischen Umweltministeriums kam nachher auf mich zu und hat gesagt: „Das hätten wir nie geschafft. Wir hätten das gar nicht dürfen.“ Ein schönes Erlebnis.

[…]

Ich war in dieser Woche zwei Mal mit mir konfrontiert. In Fürstenfeldbruck hat eine Bürgervereinigung ein Kino vorm Abriss gerettet. Ein wunderbarer funktionaler Bau von 1930 von einem ganz tollen Fürstenfeldbrucker Architekten. Man hat mich gebeten, ob ich nicht zwei meiner allerdings bösesten Filme vorführe, nämlich „Unser Dorf soll hässlich werden“ und „Grün kaputt“. Das ist schwer zu verdauen an einem Abend. Aber es waren 90 Leute da an einem normalen Montagabend. Fand ich unglaublich. Und die saßen da und waren starr. Und es war traurig in der nachfolgenden Diskussion, dass das jetzt bald 40 Jahre her ist.

Das ist etwas, was mich auch jetzt vor diesen Bildern und mit diesen Sätzen sehr berührt. Ich weiß, dass ich jetzt auch so alt bin, dass ich die Welt nicht mehr aus den Fugen heben kann. Aber damals haben wir‘s uns noch gedacht. Es waren wirklich 40.000 Besucher im Münchner Stadtmuseum, in einem wahnsinnig schönen Sommer. Und es war während der IGA, also in den Hauptmonaten, wo eigentlich alle, auch damals schon, auf den Bermudas waren. Und trotzdem. Und es hat sich wie ein Lauffeuer auf der IGA rumgesprochen. Die kamen alle, die Landschaftsarchitekten, die wir da verspotten als Straßen-Dekorateure mit Suppengrün. Und das ganze Gärtnergewerbe. Der Innungsvorstand der Gartencenterindustrie, oder Gärtner – manche sind ja auch Gärtner – hat damals gesagt: „Ja also, das ist fei schon geschäftsschädigend. Wir müssen da jetzt so viele Koniferen schreddern. Aber dafür haben wir jetzt die Rosen und die Apfelbäume teurer gemacht.“

Sie sehen, man könnte auch markttechnisch etwas verändern. Das wäre ja überhaupt was. Warum kaufen wir das, was angeboten wird? Warum ist das so schwer, sich zu entscheiden? Ich habe ein Leben lang Filme gemacht über besseres Bauen und mich immer wieder gewundert, dass beim Autokauf mehr Hirn und Zeit investiert wird als beim Hausbau. Es ist so schlimm, dass Kurpfuscher Häuser bauen oder planen dürfen. Man geht doch, wenn man krank ist, auch zu einem guten Arzt. Wir glauben immer, wir können etwas, wir glauben, wir wissen wie es geht. Wir glauben, uns kann keiner einen Rat geben oder schon gar nicht uns kritisieren.

Ich war mal Landesvorstand vom Bund Naturschutz. Da sind wir ja auch immer irgendwo Schrecken der Politik. Ich weiß noch, wie wir einen Termin beim Alois Glück bekommen haben, ein Mann, den ich verehre, und der gesagt hat: „Mit der Mülltrennung, das kriegt‘s ihr nie hin, das machen die Leut‘ doch nicht, das machen die doch nicht.“ Wir machen es. Aber wir haben nichts verändert. Wir sortieren, aber der Müll wird immer mehr. Wir lösen die Probleme nie, wir schieben sie vor uns her. Immer höre ich, jetzt wieder auch beim Klimapakt, 2030, 2050 – ach, das sind Zahlen, da sind die, die das entscheiden längst nicht mehr wahlfähig. Und sie denken halt immer noch in vier Jahren. Bin ich wählbar, bin ich nicht wählbar? Darf ich, wenn der Veggie-Tag schon nichts taugt, darf ich noch ein Tempolimit verlangen oder ist das in Deutschland wahlschädigend? Es spricht kein Politiker mehr von einem Tempolimit in diesem Land. Wir waren noch der Meinung, das müsste man schaffen. Wir waren überhaupt der Meinung, was man alles noch schaffen können müsste. Dichteres Bauen, wir haben das alles unter die Lupe genommen, können Sie alles in diesem Buch [Anm: „Grün kaputt – Landschaft und Gärten der Deutschen“] finden. Ich wünschte es eigentlich schon jedem Politiker, vielleicht machen wir doch nochmal eine Auflage. Ich finde, es steht eigentlich alles drin. Und was hätten wir in diesen 40 Jahren schon alles erreichen können!

Es ist die verlorene Zeit. Es ist die verlorene Zeit. Und um noch einmal beim Arztbeispiel zu bleiben. Wenn ich spüre, da taugt was nicht mit meinem Körper, dann geh‘ ich doch irgendwann, auch wenn ich es hinausschiebe. Aber wir schieben noch immer, wir schieben noch immer, wir schieben noch immer.

Welche Warnsignale brauchen wir eigentlich noch? Gut, wir haben damals auch schon gesagt, wir werden erst reagieren, wenn das Wasser bis zum Hals steht. Aber inzwischen schauen wir zu, wie das Grundwasser verdirbt. Dieses Wasser möchte ich nicht bis zum Hals haben. Aber auch das, es hilft alles nichts. Wir haben ganze Heerscharen von Weihenstephaner ideal ausgebildeten Studenten. Die zählen nur noch und verlängern die Roten Listen und zählen die 15. Kommastelle, aber es verändert sich nichts. Und das, das ist nach wie vor mein Problem, wenn ich diese Bilder anschau‘.

Aber ich muss euch ja Hoffnung hinterlassen. Das gehört sich ja. [….] Ihr habt eine ganz andere Welterfahrung als wir sie gemacht haben. Ich war acht Jahre, als der Krieg zu Ende war. Ich habe auch etwas Unfassliches abschütteln müssen. Ich habe gemerkt, dass auch ich ein Propagandakind war, fast ein Kunstprodukt. […] Aber spielen wir nicht schon wieder mit Krieg? Gibt es nicht täglich Aussagen schlimmster Art? Gibt es nicht täglich Übergriffe, und wir schauen zu. Wir müssen es billigen, wir sind ja irgendwie abhängig. Die Wirtschaft, die Flüchtlinge, Demokratie, sagt Frau Merkel, funktioniert nur mit Kompromissen. Da würd‘ ich schon widersprechen. Mit Kompromissen – sie war ja Umweltministerin, sie müsste es besser wissen als ich – mit Kompromissen schaffen wir das nicht!

Und ist nicht überhaupt eine der Hauptaufgaben von euch jungen Politikern, den Schutzgedanken mal wieder salonfähig zu machen? Ich hatte das Glück, im europäischen Naturschutzjahr [Anm.: 1970] schon wichtige Funktionen zu haben und dann noch fünf Jahre später im europäischen Denkmalschutzjahr. Wir haben Gesetze bekommen, die wir händeringend gefordert und erwartet haben. Was habt ihr mit diesen Gesetzen gemacht? Warum sind das zahnlose Tiger geworden, die Zuschüsse gestoppt. Könnt ihr nicht endlich mal wieder den Schutzgedanken propagieren. Es ist das Wichtigste überhaupt, das in die Köpfe hineinzubringen, auch im Maximilianeum. Und da müssen alle Parteien zusammenhalten. Da gibt’s keine Trennung in Parteien. Wir sind eine Gemeinschaft und wir können nicht ohne Spielregeln leben. Nennt es nicht Gesetze, nennt es Spielregeln. Kein Fußballspiel funktioniert ohne Spielregeln. Und da braucht man Schiedsrichter. Eine kenntnisreiche Arena jault auf, wenn ein Foul passiert oder ein Regelverstoß. Warum jaulen wir nicht alle auf, wenn wir sehen, mit offenen Augen sehen, was um uns herum passiert, wie die Dinge wieder beschwichtigt werden, wieder weitergeschoben werden?

[…]

Wir haben jetzt verrückterweise eine Jugend, die es offenbar erkennt, dass es um ihre Zukunft geht. Das muss man pflegen, auch von der Politik, das muss man pflegen!

[…]

Ich wünschte dieser Ausstellung, dass sie jetzt nicht wieder geschreddert wird [Anm.: Die Originalausstellung von 1983 ist unauffindbar, wahrscheinlich ist sie zerstört worden], sondern dass sie ein bisserl die Runde macht. Es war damals sehr schön, wir hatten die Ehre im Naturhistorischen Museum in Wien ausgestellt zu werden. Wir haben heute noch die LKW-Planen, die da draußen hingen an der wunderschönen Semper-Fassade. „Grün kaputt“ in Wien, toll! Und dann waren wir auch in Sachsen und in Brandenburg, Hygienemuseum Dresden, ein Höhepunkt in meinem Leben. Wo wir schon überall waren mit dieser Ausstellung! Und dann frägst dich halt doch: Ja was sollen wir denn sonst noch machen?

[…]

Es ist schön mit Ihnen. Und ich ende mit der Hoffnung, dass wir irgendwann die Kurve kratzen. Wir müssen es schaffen. Es geht nicht anders.”

Dieter Wieland, Oktober 2019